Von gemütlich bis peinlich. Angeln in der Werbung

Will man Marketingexperten glauben, so gilt in ihrer Branche die Devise: Werbung ist leicht gesagt und schwer getan. Warum die Fachleute sich von jeher mit Anglern scher  taten, zeigt ein Blick in die Geschichte.

„Was ist langweiliger als Angeln? Beim Angeln zuzuschauen!“ So lautet ein alter Kalauer, den wohl jeder Petrijünger in schöner Regelmäßigkeit zu hören bekommt. Bei genauerer Betrachtung ist diese angebliche Langeweile allerdings keinesfalls negativ gemeint, denn nicht selten gilt das Angeln auch als Inbegriff dessen, was man mit dem neumodischen Begriff „Entschleunigung“ meint. Schon der Altmeister Izaak Walton (1593-1683) versah sein 1653 erschienenes Buch „Der Vollkommene Angler“ mit dem Untertitel „Eines nachdenklichen Mannes Erholung“, was darauf hindeutet, dass unser Hobby bereits vor über drei Jahrhunderten im damals schon sportverrückten England nicht als kräftezehrende Aktivität angesehen wurde, sondern etwas rein Kontemplatives darstellte, bei dem das Fangen von Fischen eigentlich eine Nebensache sein sollte. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieses Bildes in der Öffentlichkeit wird der Angelsport – der bei genauerer Betrachtung ebenso wenig Sport ist, wie Brieftauben- und Schachsport – seit über 150 Jahren von der Werbung genutzt, um vielerlei Dinge an den Mann – und weitaus seltener auch an die Frau zu bringen.

Will man von der speziellen und auf Sportfischer abzielenden Werbung für Ruten, Rollen, Schnüre, Kunstköder etc. absehen, so wird das Fischen von der Werbeindustrie nicht etwa dazu benutzt, um zur Ausübung dieses Hobbys im weitesten Sinne nötige Produkt, wie Gummistiefel, Mückenspray, Sonnencreme etc., zu bewerben. Vielmehr hat die Werbung es darauf abgesehen, ein Lebensgefühl zu vermitteln, welches durch den Genuss von Kaugummi, Schokoriegeln, Cola, Bier, Zigaretten oder Whiskey noch schöner und intensiver wird. Und tatsächlich kann der durchschnittliche Petrijünger außer unterschiedlichen Getränken, Snacks und Tabakwaren, bei seiner Lieblingsbeschäftigung nicht viel anderes konsumieren. Da man seine Rute aber immer schon sowohl vom Ufer als auch vom Boot auswerfen konnte, haben ihn auch die Werbeabteilungen von Auto- und Motorenbauern entdeckt und für ihn spezielle Werbeanzeigen kreiert. Bereits 1910 hatte der Automobilhersteller Boyer die Seelenruhe des wohlhabenden Familienvaters plakatiert, der seinen Chauffeur nebst Frau und Tochter warten lässt, um mit einfachstem Gerät die Fischwaid auszuüben. Und rund 25 Jahre später diente ein Schwarzbarschangler dazu, für Zündkerzen Reklame zu machen, denn moderne Spinnfischer ruderten in den reichen USA nicht mehr zum zum Fisch.

Ende der 1940er Jahre waren US-Spinnfischer motorisiert und wurden als Kunden für Zündkerzen umworben.

Vorbild Amerika

Die jeweilige Werbung spiegelte stets auch das Anglerbild ihrer Epoche wider. Angler waren als Werbefiguren bis zu Beginn der 1920er Jahre sowohl in Europa wie auch in den USA genügsame und bescheidene Herren mittleren Alters, die mit Bambusruten kleinen Fischen nachstellten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den USA einhergehenden Massenmotorisierung entwickelte sich zunächst dort – und seit Mitte der 1950er Jahre auch in Westeuropa – eine wahre Hobby- und Freizeitindustrie, deren Lifestyle durchaus kreativ beworben wurde. Outdoorbetätigungen wie das Angeln standen dabei ganz oben auf der Liste und sollten dem fleißigen Wirtschaftswunderarbeiter schmackhaft gemacht werden. Galten Würmchenbader bis weit in die 1950er Jahre vor allem in Deutschland als notorische Einzelgänger, so machte die Werbung aus ihnen nun stets frohgelaunte und gesellige Sportfischer, die ihr Hobby nur in Verbindung mit dem Produkt XY ausüben konnten, wollten sie „in“ sein. Vor allem in den USA druckte man seit Ende der 1940er Jahre Anzeigen, in denen das Sportfischen mit großem Aufwand betrieben wurde und ganz offensichtlich eine Freizeitbeschäftigung für Wohlhabende war, denen man mit entsprechend teuren Produkten, wie Fotoapparaten, Booten und Autos, begegnen wollte.

Frauen und Mädchen als ungeschickte Anglerinnen und Objekte männlicher Lust wurden in der Bierwerbung der 1940er Jahren gern gesehen.

Und heute?

Blättert man in älteren deutschen Anglermagazinen, so springt ein erstaunliches Phänomen ins Auge: Bis in die 1980er Jahre wussten sehr viele Angelgerätehersteller ihre Produkte offensichtlich nicht zielgruppengerecht zu vermarkten und übertrugen diese wichtige Aufgabe Profis, von denen aber wohl kein einziger jemals eine Rute in Händen gehalten, oder einen Wurm auf den Haken gesteckt hatte. Wohl aber war diesen „Fachleuten“ bekannt, dass Angeln traditionell nie zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen von Frauen und Mädchen zählte. Was lag also näher, als die männliche Lust am Angeln mit dem nicht minder maskulinen Verlangen nach dem weiblichen Geschlecht in einer Werbekampagne zu verbinden? Und so kam man auf die Idee, feminine Rundungen, Lippen und Beine mit Stationärrollen; Spinnködern und Schnüren zu kombinieren und diese Fotos in Annoncen zu drucken.* Ein Intermezzo für das die moderne Jugendsprache zwischenzeitlich den trefflichen Begriff des Fremdschämens gefunden hat.

Nach der motorisierten, alkoholisierten, nikotinangereicherten sowie sexistischen Reklame rund um das Sportfischen hat sich der Werberummel um Angler seit gut 20 Jahren weitestgehend gelegt. Dies ist allerdings recht verwunderlich, denn zwischenzeitlich haben junge Menschen im urbanen Raum das Spinnfischen für sich entdeckt und es Streetfishing getauft. Obgleich sie kunterbunt gekleidet und durchaus flott mit ihren Fahrrädern von einer innerstädtischen Angelstelle zur nächsten radeln, scheinen Werbeagenturen das Interesse an nunmehr tatsächlichen Sportfischern verloren zu haben.

 

*Leider erlaubte mir keiner der Angelgerätehersteller die Publikation einer solchen Anzeige.

Zum Beitragsbild: Bereits 1910 warb ein Automobilhersteller mit einem bescheiden ausgerüsteten Petrijünger.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar