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Fische und Fjorde anno 1555

Ein Kurztrip nach Norwegen hat im jährlichen Reisekalender vieler Angler seinen festen Platz. Dass der fischreiche Norden aber schon vor einem halben Jahrtausend legendär war, wissen wohl die wenigsten Skandinavienfahrer.

„In der gebirgigen Landschaft Lapplands gibt es Weiher, die in ihrer Länge über vierhundert italienische Meilen messen und sich in ihrer Breite über hundert oder mehr Meilen erstrecken. Darinnen leben nicht nur viele andere Fischarten, sondern auch Hechte in so großer Menge, daß sie nicht nur für alle vier mitternächtlichen Reiche genug sind, sondern daß man sie einsalzt, in der Sonne trocknet und wie Holzscheite gestapelt auf Schiffen bis nach Deutschland fährt.“ Mit diesen verdächtig nach Anglerlatein klingenden Worten beschrieb der katholische Geistliche Olaus Magnus (1490 bis 1557) den Fischreichtum Lapplands. Olaus war selbst weder Fischer noch Angler, sondern eigentlich Bischof von Uppsala, wo er aber aufgrund der protestantischen Reformation nicht wirken durfte und ins römischen Exil floh. Im sonnigen Italien schrieb er nach über 30 Jahren seine Erlebnisse und Beobachtungen einer Reise in den hohen Norden Europas nieder, die er zwischen 1518 und 1519 unter allerhand Anstrengungen und Entbehrungen absolviert hatte. Das 1555 zunächst auf Latein erschienene Buch über die Wunder des Nordens wurde schließlich zehn Jahre nach seinem Tod erstmals unter dem Titel „Beschreibung allerlei Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten der mitternächtigen Völker.“ auf Deutsch herausgegeben und erlebte bis weit ins 17. Jahrhundert einige weitere Auflagen.

Feuer und Eis

Obwohl Olaus Magnuns eigentlich als Mönch und Missionar unterwegs war, um die heidnischen Völker Lapplands und Norwegens zum Christentum zu bekehren, finden sich in seinem Reisebericht ungewöhnlich viele und für damalige Verhältnisse recht detailgetreue Beschreibungen des Fischfangs und der Fischkonservierung. Dabei ging es ihm nicht etwa darum, fischereikundliche Studien zu betreiben, sondern es war vielmehr seine Absicht, kuriose Fangmethoden zu beschreiben. So war er der erste „moderne“ Autor, der das Phänomen des Fischfangs mittels Feuer beschrieb: „Wenn die Fischer wollen, nehmen sie kleine Schiffe, die aus einem besonderen Holz gemacht sind und entzünden darin kleine Feuer aus Tannenholzfackeln. Wenn die Hechte und Aale diese Feuer sehen, so kommen sie aus Neugierde in großer Anzahl herbei. Die Fischer stechen sie denn mit ihren Haken und Gabeln und ziehen hier aus dem Wasser.“

Der wohl etwas idealisierte Aufstieg der silbernen Lache, die sich kinderleicht fangen und an Ort und Stelle räuchern ließen. (Aus Olaus Magnus, 1555)

Wie bei (fast) allen Reiseberichten aus dem 16. Jahrhundert, so darf man auch bei Olaus Report nicht alles auf die Goldwaage legen, den Länderbeschreibungen wurden damals nicht aus Spaß an der Freud geschrieben, sondern ihre Verfasser folgten auch dem Geschmack der Zeit und brachten möglichst außergewöhnliche Beobachtungen zu Papier. Der Fischreichtum des nördlichen Skandinavien, der so groß war, dass man die Hechte stapeln konnte, kam Olaus also wie gerufen, um die Besonderheiten dieser Weltgegend herauszustellen. Und so dürfte es seine Leser nicht erstaunt haben, dass im Winter Pferde vor die Netze gespannt werden, um die reiche Beute aus dem Wasser zu befördern: „Wenn sie unter dem Eise fischen wollen, dann machen sie zwei große Löcher darin, deren jedes acht oder zehn Schuh weit, und eines fünfzig, hundert oder zweihundert Schritt von dem anderen ist. Durch diese Löcher ziehen sie Seile und spannen Netze daran, welche von Pferden gezogen werden.“

Es waren aber nicht allein Hechte, welche die Gewässer in rauen Mengen bevölkerten. Auch der Salmonidenreichtum schien gewaltig gewesen zu sein: „Man findet in ganz Europa nicht mehr Lachse als im Baltischen Meer bei den Lappen, aus deren Land viele große Flüsse sich in dieses Meer ergießen. Gegen diese Flüsse ziehen die silbernen Lachse zur Sommerzeit, wenn es warm ist, in glänzender Rüstung, wie die Kriegsknechte in solchen Massen hinauf, dass die Fischer sie darin im Überfluss fangen können.“

Der wohl etwas idealisierte Aufstieg der silbernen Lache, die sich kinderleicht fangen und an Ort und Stelle räuchern ließen. (Aus Olaus Magnus, 1555)

Süßwasserfachmann

Das solche Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, versteht sich aus heutiger Sicht von selbst. Zu Olaus Magnus Zeiten konnten so weit gereiste Autoren wie er jedoch aus dem Vollen schöpfen und ihrer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, schließlich lagen Länder wie Norwegen und Lappland an den Rändern der zivilisierten Welt und kaum einem gebildeten Menschen wäre es in den Sinn gekommen, dorthin zu reisen, um seine Angaben zu prüfen. So dürfte es kaum einem seiner Leser aufgefallen sein, dass in seinem Werk nichts von den noch heute so begehrten Meeresfischen zu finden war. Ein Umstand, der auch moderne Historiker erstaunt, fuhren doch bereits die Wikinger fast 1000 Jahre vor dem Besuch von Olaus von ihrer norwegischen Heimat aus bis an die Küsten Grönlands, um dort Dorsche zu fangen und zu trocknen. Trotz dieser Merkwürdigkeiten bleibt sein Reisebericht in seiner für die Verhältnisse des 16. Jahrhunderts wissenschaftlichen und stilistischen Einzigartigkeit ein einsamer Leuchtturm im Meer der ansonsten pseudowissenschaftlichen Literatur über Fische und Fischerei am Beginn der frühen Neuzeit.

Zum Beitragsbild: Fischfang mit Hilfe von Feuer. Die überdimensionierten Aale schauen aus wie Seeschlangen, die Hechte wie Ungeheuer. (Aus Olaus Magnus, 1555)

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